HEYSE, Paul



Peregrina


I.


Nun sind die Blumen verdorrt,

Die deine Hand mir brach.

Was deine Lippe sprach,

Blüht still im Herzen fort! ...


II.


Wenn aus hohem Walde

Mondenschimmer quillt,

Auf die lichte Halde

Wagt sich vor das Wild.


Jetzt in irrer Klage

Wird die Sehnsucht laut,

Die dem hellen Tage

Nicht ihr Leid vertraut.


Ruft der Hirsch die Hinde,

Ach, sie hört ihn bald,

Wenn umsonst im Winde

Mein Gesang verhallt!

III.


Schwüle Stunden! Flüsternd kaum

Bebt das Laub im Sommerwinde;

Vogelstimmen wie im Traum

Girren im Gezweig der Linde.


Auf dem blumigen Wiesenplan

Glüht und zittert Sonnenhelle;

Schlummertrunken ruht der Schwan

Auf des Weihers blanker Welle.


Ach, und mir in tiefster Brust

Brechen auf die alten Wunden.

Sehnsuchtsvoll in Qual und Lust

Denk' ich alter schwüler Stunden!


Abschied II


Als wir beiden mußten scheiden,

Eine Nelke gab sie mir;

Die geliebten, stillbetrübten

Augen ruhten lang auf ihr.


Da vom zarten Strauch im Garten

Sie die dunkle Blume brach,

Lang mit Neigen in den Zweigen

Bebt' er seinem Liebling nach.


Doch den Wunden läßt gesunden

Heimat, die ihn treu umgibt,

Wenn die welke dunkle Nelke

Blatt auf Blatt im Wind zerstiebt.


Mädchenlied


Soll ich ihn lieben,

Soll ich ihn lassen,

Dem sich mein Herz schon heimlich ergab?

Soll ich mich üben,

Recht ihn zu hassen,

Rate mir gut, doch rate nicht ab.


Wild ist er freilich,

Hastig von Sitten,

Keiner begreift es, wie lieb ich ihn hab.

Aber so heilig

Kann er auch bitten,

Rate mir gut, doch rate nicht ab.


Reichere könnt´ich,

Weisere haben,

Gut ist im Leben ein sicherer Stab.

Keiner doch gönnt´ich

Den wilden Knaben -

Rate mir gut, doch rate nicht ab.


Laß ich von schlimmer

Wahl mich betören,

Besser, ich legte mich gleich ins Grab,

Klug ist es immer

Auf Rat zu hören,

Rate mir gut, doch rate nicht ab.


Vorfrühling


Stürme brausten über Nacht,

Und die kahlen Wipfel troffen.

Frühe war mein Herz erwacht,

Schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.


Horch, ein trautgeschwätz'ger Ton

Dringt zu mir vom Wald hernieder.

Nisten in den Zweigen schon

Die geliebten Amseln wieder?


Dort am Weg der weiße Streif -

Zweifelnd frag' ich mein Gemüte:

Ist's ein später Winterreif,

Oder erste Schlehenblüte?


Venedig


Nun ist entthront die stolze Wellenbraut,

Die einst den trotz′gen Nacken bog dem Meere.

Nicht wird sie mehr auf goldner Prachtgaleere

Dem ungestümen Freier angetraut.


Doch in der Lenznacht, wenn mit Donnerlaut

Die Springflut steigt, dann ist′s, als ob die Hehre

Wehrlos dem Element zu eigen wäre,

Auf das sie tags so kühl herniederschaut.


Hoch über die Piazzetta schwillt die Flut

Und braust herein, ersäufend alle Gassen,

Und um San Marco plätschert Ruderschlag.


Das Meer umwirbt die Braut mit Liebeswut,

Doch nur die Füße darf es ihr umfassen

Und schleicht beschämt von dannen lang vor Tag.