LENZ, Jakob


Wo bist du itzt, mein unvergeßlich Mädchen,

Wo bist du itzt, mein unvergeßlich Mädchen,

Wo singst du itzt?

Wo lacht die Flur, wo triumphiert das Städtchen,

Das dich besitzt?


Seit du entfernt, will keine Sonne scheinen,

Und es vereint

Der Himmel sich, dir zärtlich nachzuweinen,

Mit deinem Freund.


All unsre Lust ist fort mit dir gezogen,

Still überall

Ist Wald und Feld. Dir nach ist sie geflogen

Die Nachtigall.


O komm zurück! Schon rufen Hirt und Heerden

Dich bang herbei.

Komm bald zurück! Sonst wird es Winter werden

Im Monat Mai.


Zeitlos


Aus ihren Augen lacht die Freude,

Auf ihren Lippen blüht die Lust,

Und unterm Amazonenkleide

Hebt Mut und Stolz und Drang die Brust:


Doch unter Locken, welche fliegen

Um ihrer Schultern Elfenbein,

Verrät ein Seitenblick beim Siegen

Den schönen Wunsch, besiegt zu sein.



Die erste Frühlingspromenade


Der Baum, der mir den Schatten zittert,

Der Quell, der mir sein Mitleid rauscht,

Der Vogel, der im Baume zwittert,

Und, ob ich ihn auch höre, lauscht;

Die ganze freundliche Natur

Nimmt mich umsonst in ihre Kur.


Die Weisheit, strengen Angesichts

Und guten Herzens, aber kalt,

Lacht meines glühenden Gedichtes

Von Liebe – und doch glaubt sie's bald;

Will mich entzaubern, trösten mich,

Bezaubert und verirret sich.


Die Schöne, die auf jungen Rosen

Des liebesbangen Maien liegt,

Von der, dem Kummer liebzukosen,

Mir Blick und Wunsch entgegen fliegt,

Die schraubt mein mir entrücktes Herz

Nur höher auf zu wilderm Schmerz.


Ach Phyllis! um gleich jenen Knaben

In Sturmhaub' und Perück' und Stern,

So froh die Fluren zu durchtraben,

Müßt' ich von diesen weisen Herrn

Die Kälte und die Blindheit haben;

Müßt' ich, in meinem Selbst vergraben,

Dich, Gottheit, nie gesehen haben;

So hold, so nah mir – und so fern – –


Ach du, um die die Blumen sich

Ach du, um die die Blumen sich

Verliebt aus ihren Knospen drängen,

Und mit der frohen Luft um dich

Entzückt auch ihren Weihrauch mengen,

Um die jetzt Flur und Garten lacht,

Weil sie dein Auge blühen macht.


Ach könnt ich jetzt ein Vogel sein

Und im verschwiegnen Busch es wagen

Dir meines Herzens hohe Pein,

Die ohne Beispiel ist, zu klagen.

Empfändest du die Möglichkeit

Von dieser Qualen Trunkenheit.


Vielleicht daß jener Busen sich

Zu einem milden Seufzer hübe,

Der mich bezahlte, daß ich dich

Noch sterbend über alles liebe.


An die Sonne


Seele der Welt, unermüdete Sonne!

Mutter der Liebe, der Freuden, des Weins!

Auch ohne dich erstarret die Erde

Und die Geschöpfe in Traurigkeit.

Und wie kann ich von deinem Einfluß

Hier allein beseelt und beseligt

Ach wie kann ich den Rücken dir wenden?


Wärme, Milde! Mein Vaterland

Mit deinem süßesten Strahl, nur laß mich

Ach ich flehe, hier dir näher,

Nah wie der Adler dir bleiben.



Lied zum teutschen Tanz

O Angst! tausendfach Leben!

O Mut, den Busen geschwellt,

Zu taumeln, zu wirbeln, zu schweben,

Als ging‘s so fort aus der Welt!


Kürzer die Brust

Atmet die Lust.

Alles verschwunden,

Was uns gebunden.

Frei wie der Wind,

Götter wir sind!



Pygmalion


An diesen Lippen, diesen Augen

Die Welt vergessend, hinzuhangen

Und aus den rosenroten Wangen

Des Lebens Überfluß zu saugen

An dieses Busens reiner Fülle

Die Schmerzen meiner Brust zu wiegen

Und auf des Schoßes Fried und Stille

Mit tränenmüdem Haupt zu liegen


Das war mein Wunsch – das ist mein Grämen –

Und soll mir doch kein Schicksal nehmen


Wo bist du jitzt?


Wo bist du jitzt, mein unvergeßlich Mädchen?

Wo singst du jitzt?

Wo lacht die Flur, wo triumphiert ein Städtchen,

Das dich besitzt?


Seit du entfernt, will keine Sonne scheinen,

Und es vereint,

Der Himmel sich, dir zärtlich nachzuweinen,

Mit deinem Freund.


All unsre Lust ist fort mit dir gegangen,

Still überall

Ist Stadt und Feld. Dir nach ist sie geflogen,

Die Nachtigall.


O komm zurück! Schon rufen Hirt und Herden

Dich bang herbei.

Komm bald zurück! Sonst wird es Winter werden

Im Monat Mai.


An W-.


Ach eh ich dich, mein höchstes Ziel,

Eh ich dich fand, welch mutlos Streben,

Welch regelloses Fibernspiel,

Bald der, bald der mein junges Leben

Mit allen Freuden Preis zu geben,

Nachdem es ihrem Stolz gefiel.

Und keine sah es, was ich litte,

Und keine hörte meine Bitte,

Verstand mein Sehnen, meine Pein,

Mir liebenswert, mir was du bist, zu sein.

Jetzt hab ich dich - und soll dich lassen -

Eh möge mich die Hölle fassen!


An das Herz


Kleines Ding, um uns zu quälen,

Hier in diese Brust gelegt!

Ach, wer’s vorsäh, was er trägt,

Würde wünschen, tätst ihm fehlen!


Deine Schläge, wie so selten

Mischt sich Lust in sie hinein!

Und wie augenblicks vergelten

Sie ihm jede Lust mit Pein!



Gemählde eines Erschlagenen


Blutige Lokken fallen von eingesunkenen Wangen;

Furchtbar, zwischen Hülfe rufend geöffneten, schwarzen

Lippen laufen zwey Reihen scheußlicher Zähne, so ragen

Dürre Beine aus Gräbern hervor; die gefalteten Hände

Dekket Blässe, die unter zersplitterten Nägeln zum Blau wird:

Denn im einsamen schrekkenden Walde hat er sich ängstlich

Mit verlarvten Mördern gerungen: es hallten die Wipfel

Von seinem bangen Rufen und dem mördrischen Murmeln

Seiner Gegner; bald erlagen die Kräfte des Kämpfers,

Schlaffe Arme strekt′ er vergeblich, die tödtlichen Aexte

Von seinem Haupt abzuhalten; sie, die sonst schüchterne Vögel

Aus den gefällten Bäumen verscheuchten, spalteten izo

Grausam die gehirnsprüzzende Scheitel des sterbenden Mannes,

Dessen Seele ungern vom röchelnden Busen emporstieg. -

Streifende Jäger fanden den zerzerreten Körper

In dem See von eigenem Blut, aus welchem die Gräsgen

Ihre befleckten Spizzen scheu erhoben: sie brachten

Ihn der untröstbaren Wittwe, die sein dunkeles Auge

Noch zu bedauren schien: noch sichtbar war auf der Wange

Der sonst freundliche Zug, auf der verunstalteten Stirne

Die kenntbare Runzel, die oft ein ahndender Kummer

In melancholischen Stunden drauf pflanzte. -



An Henriette


Von Gram und Taumel fortgerissen,

Verzweiflungsvoll dein Bild zu küssen,

Ach, alles, was mir übrig ist.

Dies Bild will ich am Munde halten,

Wenn alles an mir wird erkalten

Und du mir selbst nicht denkbar bist.


Verzeih den Kranz, den eines Wilden Hand

Um dein geheiligt Bildniß wand,

Hier, wo er unbekannt der Welt,

In dunkeln Wäldern, die ihn schützen,

Im Tempel der Natur es heimlich aufgestellt,

Und wenn er davor niederfällt,

Die Götter selbst auf ihren Flammensitzen

Für eifersüchtig hält.