SCHREIBER, Mathias
Fliessband
für H.G. Wallraff
Ich stehe am Fliessband
wo es hinläuft
weiss der Teufel
ob die Schrauben, die ich drehe
für Wasserhäne oder Daumen
sind, Pausen gibt es
nicht, nur flatternde
Finger, die greifen nach Schrauben
und Leere, zerreissen
die Stunden zu Lohn
Ich stehe am Fliessband
und schweisse die Teile
zu Röhren zusammen
in die ich dann gucke
ich schweisse die Röhren
wer weiss wohin ich schweisse
am Fliessband die Bander nehmen
den Atem mir weg
das Fliessband das zieht mich
das zieht mich noch aus
dann fliess ich auf Bändern
dann nimmt mich das Fliessband
ich falle
dann aus
Tradition
Der letzte Graf
sitzt allein im Kaminzimmer
der Drei-Flügel-Anlage.
Die Unbewohnheit von dreissig Sälen
hat sein edles, trauriges Gemût
in eine Küchenschabe verwandelt,
die er genüsslich
mit der linken Fussspitze zerdrückt.
Er kann nichts mehr essen.
Spinnen schmücken mit Seidenfäden
seine hohe Stirn.
Jetzt ziehen unbelastete Jungbürger
ins Schloss.
Sie wollen das Denkmal retten.
Sie tragen den Grafen
so wie er ist
auf den Dachboden
und restaurieren
seine Alpträume.
Landschaft bei Dormagen
Auf der sauber verputzten Friedhofsmauer
hockt de Mittag und zeigt
einem Grab den Vogel
Der Himmel wasserblau
wie die Todesblase
einer riesenqualle.
Die autobahn schwitzt.
Sie macht die Beine breit,
dazwischen
verbleites Grün.
Die Sonne fährt hundert.
Hier werden optimistische
Hochhäuser gebaut.
Ein Rübenfelt erhängt sich
an der letzten Krüppelbirke.
Die Chemie hebt empört
ihren stinkenden Zeigefinger.
Wer von der Stadt aus
in den Erholungspark will,
muss den Friedhof passieren.