MENSCHING, Steffen
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Meine Eltern wurden immer
kleiner, sie aßen immer weniger
und gingen seltener hinaus, die Welt
regte sie weniger auf, sie blieben
freundlich miteinander, zärtlich
und stritten sich noch seltener
als früher, mein Vater suchte
verzweifelt nach Worten, meine Mutter
fing Spinnen, Käfer und Fliegen
in Kühlschrankdosen und befreite
sie auf dem Balkon, die Erde,
dachte ich, wäre ein besserer Ort,
vermehrten sich Leute wie sie.
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Britta, die 18-jährige
FSJ-lerin aus Sachsen-Anhalt,
Mutter Laborantin, Vater Chef
einer Baumschule, sagt, ich
habe versucht, die Welt
zu retten, zwei Jahre lang
kein Fleisch gegessen, aber jetzt
muss ich auch mal
an mich denken, ich will etwas
Kreatives machen, irgendwas
mit Kunst, vielleicht
finde ich aber auch noch
einen reichen Mann.
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In der Brandung des Traums schlingert das Schlauchboot
In der Brandung des Traums schlingert das Schlauchboot, das die Meerenge
durchquert, du bist auf der Flucht, weißt nicht woher, nicht wohin, hockst
stumm neben erschöpften Gesichtern auf dem grünen Gummiboden, der aussieht
wie die Sitzbänke im britischen Unterhaus, schon schluckst du Salzwasser,
deine Schuhe ziehen dich zum Grund wie Buster Keaton im Film The Navigator,
deine rechte Hand ergreift eine Holzplanke, keine Ahnung, woher sie kommt,
vergeblich versuchst du, die linke Hand aus dem Wasser zu ziehen, da hängt
etwas daran, Stoff, menschliches Haar oder, jetzt spürst dus, eine Hand, die
deine Finger umklammert, du presst die Knochen zusammen, sonst rutscht
dir die Hand aus der Hand, mit der rechten hältst du dich am Holz fest, wie lange
kannst du dich so halten, die Hand, die du gepackt hast, die dich festhält, zieht
dich hinab, du spürst wie die Kraft nachlässt, die Kraft, mit der du die Hand hältst,
fehlt dir, um dich selbst zu halten, bald, gleich, jetzt kommt der Augenblick,
wo du entscheiden musst, ob du die Hand oder die Planke loslässt, aber als du
weißt, was du tust, lässt dich die Hand nicht los, die Hand, die viel kleiner ist
als deine Hand, eine Kinderhand oder Frauenhand, lässt dich nicht frei, sie
umklammert deine Finger, einen nach dem anderen, immer schwerer wird sie,
deine Fingernägel krallen sich ins Holz, brechen, als du die Planke fahren lässt,
um schreiend zu erwachen und nach dem Wesen zu tasten, das neben dir liegt
Für Peter WEISS
Einmal, später, irgendwann
werden wir die Siegel der Archive brechen.
Beieinander sitzend dann
das nie Ausgesprochene aussprechen.
Auf den Tisch die Hände legen,
sie nicht mehr zur Faust ballen.
Nicht soviel die Finger bewegen,
Keiner über keinen herfallen
Verratene Opfer Verräter
Prozesse Verhöre Aussagen Anklagen
Irgendwann, hoffentlich bald, aber später,
werden wir die ganze Wahrheit ertragen.
Nennen werden wir Helden Helden
Verbrechen Verbrechen.
nacheinander werden wir zu wort uns melden,
das Schweigen brechen,
das taktische dumpfe beredsame Schweigen.
Sehr grell wird das Licht sein in diesen Tagen,
wenn wir die Wunden einander zeigen,
die wir einander geschlagen,
die alten eiternden Narben, die verfluchten
verhassten,
in die mit schmutzigen schwitzigen Händen
unsere Feinde hineinfassten,
um unsere Toten zu schänden.
Wir würden den Sieg nicht kleiner
wir würden ihn reiner machen.
Nachtschattengewächse
Deine besten Gedichte erscheinen in der Nacht
zwischen zwei Träumen wie unverhoffter Besuch,
kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig, erklären sie
das Leben, die Liebe, die Lüge und reimen sich
ohne Gleichklang, dialektische Blitze wie sie
Walter Benjamin gefallen hätten, streng logisch
und voll metaphysischer Ticks, du memorierst Zeile
für Zeile, bist aber zu faul, das Licht anzuschalten,
um sie zu notieren, beim Erwachen, denkst du,
wirst du dich jeder Silbe erinnern und schläfst
wieder ein, am Morgen bleibt von ihnen nichts als
eine vage Erinnerung an einen glücklichen Augenblick,
den du bemerktest, aber nicht festhalten konntest.