WALTER, Silja



Tänzerin


Der Tanz ist aus. Mein Herz ist süß wie Nüsse,

Und was ich denke, blüht mir aus der Haut.

Wenn ich jetzt sacht mir in die Knöchel bisse,

Sie röchen süßer als der Sud Melisse,

Der rot und klingend in der Kachel braut.


Sprich nicht von Tanz und nicht von Mond und Baum

Und ja nicht von der Seele, sprich jetzt nicht.

Mein Kleid hat einen riesenbreiten Saum,

Damit bedeck ich Füße und Gesicht

Und alles, was in diesem Abend kauert,

Aus jedem Flur herankriecht und mich mißt

Mit grauem Blick, sich duckt und mich belauert,

Mich gellend anfällt und mein Antlitz küßt.


Sprich nicht von Tanz und nicht von Stern und Traum

Und ja nicht von der Seele, laß uns schweigen.

Mein Kleid hat einen riesenbreiten Saum,

Drin ruht verwahrt der Dinge Sinn und Reigen.


Ich wollte Schnee sein, mitten im August,

Und langsam von den Rändern her vergehn,

Langsam mich selbst vergessen, ich hätt Lust,

Dabei mir selber singend zuzusehn.


Maria singt


Mein Kind, ich will dich wiegen,

Die wilden Enten fliegen.

Wer hält den Sommer an?

Ich weiss nicht, wie der süssen

Mondnacht sich das Fliessen

Und wechseln wehren kann.

…….Lass, Kindlein, dich einsingen,

…….Der Jäger wirft die Schlingen,

…….Die Ruten sind gestellt.

Wie könnte die Gewalten

Des Vaters ich aufhalten?

Ich bin die Magd Marie.

De Mond steht einst in Gelber

Weltfinsternis von selber, -

Dann hängst du, und ich knie.
…….Lass, Kindlein, dich einsingen,

…….Dann wird mein Herz zerspringen,

…….Und ist erlöst die Welt.


Die Irre


Ich bin nicht da. Ich bin doch irgendwo?

Ich gehe laut, behorche meine Schritte,

Doch rühr' ich mein Gesicht an, klingt es so,

Als breche man ein Kelchglas in der Mitte.


Ich leid' dies Klingen unter jedem Blick.

Die Stadt blickt einen abends fast entzwei.

Lasst mich doch los, sonst laufe ich zurück

Mit tausend Scherben im Gesicht und schrei'.


So schaut mich tot. Ich bin ja doch nicht da.

Der Regen meint es auch, der auf mir spielt.

Es wundert ihn, was mittags denn geschah,

Dass sich mein Mund so seltsam hart anfühlt.


Ich weiss es nicht. Ich tränke gerne Wein.

Hielt gern in Händen grosse Akeleien.

Ich wollt' ein schönes totes Standbild sein

Am Brunnenrand und leblang nicht mehr schreien.


Dann leget ihr erschreckt mir Gitter um.

O tut es doch in dieser schweren Nacht

Und süsse Dunkelheit darum herum,

Die alle Dinge tödlich schlafen macht.


Dann gäb' es keine grauen Gassen mehr

Und nie mehr ein Gesicht, so gut wie seins.

Der Tag wär eine stete Wiederkehr

Der Nacht im Tonfall kupferroten Weins.


Dann kehrt' ich sorgsam wieder zu mir heim

Und küsste mich und wäre selber wieder.

Ich sänge mich zu einem neuen Reim

Und sänge alle eure Gitter nieder.



Mein kleiner weißer Hund und ich


Mein kleiner weißer Hund und ich,

Wir gehen durch alle Türen.

Wir suchen dich. Wir suchen mich.

Wir weinen und wir frieren.


Der Regen kreiselt groß im See,

Wirft Ringe in die Runde.

Ich weiß nicht, wo ich geh und steh

Mit meinem kleinen Hunde.


Die Welt ist weit. Und weit bist du.

Wo enden Weg und Reise?

Ich hör dem großen Regen zu –

Mein kleiner Hund bellt leise.


Ich find dich nicht. Ich find mich nicht.

Mit dir ging ich verloren.

Mein Hund blickt trüb, und mein Gesicht

Preß ich an seine Ohren.



Im Regen


Der Tag ist blaß vom Regen.

Man geht und kommt nicht weit.

Ich trage deinetwegen

Viel Traurigkeit.


Ich gehe mit hängenden Händen

Den Rändern nach zum See.

Dort unten muß alles enden,

Leid und Allee.


Wie reiten tief die Vögel!

Sie lassen vom Winde sich drehn.

Der Regen zerschlägt die Segel,

Mich lässt er stehn.