HAHN, Ulla


Wenn Dann


Wenn wir uns wieder in den Haaren liegen

und du mich nochmal Sterne sehen läßt

dann geb ich dir von Mal zu Mal den Rest

wenn wir uns wieder in den Haaren liegen.


Wenn du mich nochmal die Sterne sehen läßt

bis du wo dir der Kopf steht nicht mehr weißt

bring ich dich wieder auf das rechte Gleis

wenn du mich nochmal die Sterne sehen läßt.


Wenn du wo dir der Kopf steht nicht mehr weißt

du aus der Haut fährst und hinein in meine

dann halt mich kurz doch lang an deines Leibes Leine

wenn du wo dir der Kopf steht nicht mehr weißt


Er kommt


Einkaufen: Kirschsaft Spinat und

neue Kartoffeln Spargel nicht der

ist noch zu teuer oder ach was

zwei Pfund Spargel bitte.


Oh mein Gott: dem Friseur ging

die Farbe aus. Nehm ich statt

Rot Mahagoni nur nicht

vorne so kurz.


Wie angegossen das Kleid: aber

die jeans sitzt straffer blau

liebt er und schwarz schön

also schwarzblau.


Steht die Uhr: nein noch einmal das

Beethoven Trio im zweiten Satz geht

die Klingel ich öffne die Tür

du schon da?



Das wär ein Leben


Ich bau mir mein Nest in der Achselhöhle

vom Mann mit dem Goldhelm. Geht er

so gehe ich bewegungslos mit. Krümmt er

den Leib tue ich aufrecht desgleichen.

Isst er sein Brot im Schweiss seines Angesichts

lieg ich betört von den Düften ihm

unterm männlichen Arm.

Seine Rede Ja Nein1 ist fraglos immer

die meine. Säe nicht ernte nicht: Er

nähret und kleidet dich doch. Nichts

verlangt er dafür als sein tägliches Quantum

Rosen dornenlos wind ich den Kranz ihm
zwitschernd ums göttliche Haupt.


Allein


Ich hab die Schnauze voll ich

bin auch müde und fürcht mich

jetzt schon vor dem ersten warmen Tag

den kleinen Kindern und den

schwangern Frauen und was das

Frühjahr noch erzeugen mag.


Ich bin allein ich hab nichts

zu verlieren als ein paar

Tage vom vergangnen Jahr

und Angst mit mir was Neues

zu probieren nicht zu krepiern

an dem was niemals war.


Mit Haut und Haar


Ich zog dich aus der Senke deiner Jahre

und tauchte dich in meinen Sommer ein,

ich leckte dir die Hand und Haut und Haare

und schwor dir ewig mein und dein zu sein.


Du wendetest mich um. Du branntest mir dein Zeichen

mit sanftem Feuer in das dünne Fell.

Da ließ ich von mir ab. Und schnell

begann ich vor mir selbst zurückzuweichen


und meinem Schwur. Anfangs blieb noch Erinnern,

ein schöner Überrest der nach mir rief.

Da aber war ich schon in deinem Innern

vor mir verborgen. Du verbargst mich tief.


Bis ich ganz in dir aufgegangen war:

da spucktest du mich aus mit Haut und Haar.



Blinde Flecken


Daß wir so uneins sind hält uns zusammen

du dort ich hier – wir sind auf andrer Fahrt:

Dein Istgewesen mein Eswirdnochkommen

zwei blinde Flecken in der Gegenwart

die uns gehört wie Träume vorm Erwachen

wenn wir schon wissen daß wir Träumer sind

die mit uns spielt ein Weilchen in den Winden

bis jedes hier und dort sich wiederfindet.


Winterlied


Als ich heute von dir ging

fiel der erste Schnee

und es machte sich mein Kopf

einen Reim auf Weh.


Denn es war die Kälte nicht

die die Tränen mir

in die Augen trieb es war

vielmehr Ungereimtes.


Ach da warst du schon zu weit

als ich nach dir rief

und dich fragte wer die Nacht

in deinen Reimen schlief.



Meine Wörter


Meine Wörter hab ich
mir ausgezogen
bis sie dalagen
atmend und nackt
mir unter der Zunge.

Ich dreh sie um
spuck sie aus
saug sie ein
blas sie auf

spann sie an
von Kopf bis Fu
spann sie auf

Mach sie groß
wie ein Raumschiff zum Mond
und klein wie ein Kind.
Überall suche ich die Zeile
die mir sagt
wo ich mich find



Spielregeln


Komm wir proben die Posse noch einmal

wir kennen die Rollen zum Glück

gibt es nicht mehr zu sagen

wir spielen das alte Stück


Immer wieder dieselben Schritte

bis hierher und weiter nicht

immer wieder dieselben Blicke

aus einem andern Gesicht


Immer wieder dasselbe Stöhnen

aus einem anderen Mund

jedesmal dasselbe Versinken

in immer anderem Grund


Immer wieder dieselben Blumen

am Anfang diesmal für mich

und im Schlussakt frische Tränen

wie immer: diesmal um dich.



Danklied


Ich danke dir dass du mich nicht beschützt

dass du nicht bei mir bist, wenn ich dich brauche

kein Firmament bist für den kleinen Bärn

und nicht mein Stab und Stecken der mich stützt.


Ich danke dir für jeden Fusstritt der

mich vorwärts bringt zu mir

auf meinem Weg. Ich muss alleine gehn.

Ich danke dir. Du machst es mir nicht schwer.


Ich dank dir für dein schönes Angesicht

das für mich alles ist und weiter nichts.

Und auch dass ich dir nichts zu danken hab

als dies und manches andere Gedicht.